TSI Congress 2020
TSI Congress 2020
TSI Congress 2022
Berlin onsite & globally online
22 & 23 September 2022
TSI Congress 2022 Bereits zum dritten Mal hieß es "Berlin onsite & globally online" Herzlichen Dank an alle, die den dritten hybriden TSI Congress mit 500+ Teilnehmenden vor Ort zu so einem Erfolg gemacht haben.
TSI Congress 2022 Berlin onsite & globally online Herzlichen Dank an alle, die beim diesjährigen TSI Congress dabei! Es war ein tolles Event und wir freuen uns schon jetzt auf das nächste Jahr! Save the Date: 28. und 29. September 2023! Weitere Infos

Nachberichterstattung TSI Congress 2022

Financing the economic transition – Building bridges between sustainability, growth and monetary stability

Geopolitische Zäsur bestimmt die Agenda

Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine markiert eine geopolitische Zäsur. Diese bestimmt auch die Agenda der wirtschaftlichen Transformation. Die Folgen der Coronapandemie in Form steigender Energie- und Lebensmittelpreise sowie anhaltender Materialengpässe und Lieferkettenprobleme erfordern zudem nunmehr erst recht zeitnahe Antworten. In Verbindung mit globaler Inflation und Klimakrisen braut sich für die europäische und deutsche Wirtschaft augenscheinlich ein perfekter Sturm zusammen. All diese Entwicklungen haben Konsequenzen für die Finanzierung der wirtschaftlichen Transformation unter neuen geopolitischen Vorzeichen. In Zeiten extremer Unsicherheit in Wirtschaft und Gesellschaft können und sollten insbesondere Asset-basierte Finanzierungsinstrumente ein Teil der Lösung sein.

Energiewende und EU-Nachhaltigkeitsregulierung

Energiewende und wirtschaftliche Transformation dulden keinen Aufschub. Das Friendshoring in Reaktion auf krisenhafte Entwicklungen überholt bewährte Modelle der Zusammenarbeit. Die EU-Nachhaltigkeitsregulierung erstreckt sich auf globale Wertschöpfungsketten und stellt alle Unternehmen vor enorme Herausforderungen, wie auch Clemens Koch, Mitglied der Geschäftsführung von PwC Deutschland, auf dem Eröffnungspanel herausstellte. Die Regulierung setzt damit den Rahmen für die Neuordnung der Wirtschaftsblöcke in der Welt. Es stellt sich nicht zuletzt die Frage, wie der deutschen Wirtschaft eine zeitnahe Transformation gelingen kann.

Es ist Aufgabe der Politik, für die richtigen Rahmenbedingungen zu sorgen. Die Nachhaltigkeitsregulierung im Gewand von Sustainable Finance kann sich dabei unter Umständen als Bürde für die Transformation erweisen. Denn in der Praxis läuft die Taxonomie womöglich auf eine Einteilung der Welt in nachhaltige und nicht-nachhaltige Aktivitäten hinaus, merkte Christoph Kaserer von der TU München an. Selbstredend sind Schutz vor Greenwashing und ein integriertes Risikomanagement, das Nachhaltigkeitsrisiken in angemessener Weise Rechnung trägt, berechtigte Ziele von Sustainable Finance. Erhöhte Markttransparenz durch standardisierte und verlässliche nicht-finanzielle Informationen schaffen Guidance. Dies ist eine Voraussetzung für eine zielgenaue Umlenkung von Finanz- und Investitionsströmen. Allerdings mündet Sustainable Finance in eine regulatorische Kleinteiligkeit. Aus Sicht von Felix Hufeld, ehemaliger Präsident der BaFin, mangelt es an Mut zur maßvollen, prinzipienbasierten Regulierung. Marcus Pratsch, Head of Sustainable Bonds & Finance bei der DZ BANK, zog daraus den Schluss, dass die Regulierung zukünftig verstärkt Übergangsfinanzierungen ermöglichen soll. Es komme darauf an, dass nicht bereits grüne Geschäftsmodelle noch eine Nuance grüner werden, sondern bisher nicht-grüne Aktivitäten ergrünen können. Damit zeitnah die Energiewende gelingen kann, sollte Sustainable Finance daher nicht zu einer Compliance-Übung zu Lasten der Wirtschaft werden, sondern muss Innovationen ermutigen. Wenn die technischen Möglichkeiten, keine Umstellung auf grün von heute auf morgen zulassen, dann sollte die EU-Nachhaltigkeitsregulierung auch Kompensationen beispielsweise in der CO2-Bilanz durch Äquivalenzen zulassen, so Frank Fiedler, CFO der Volkswagen Financial Services. Wenn sich die Rahmenbedingungen als anschlussfähig an die globale Nachhaltigkeitsregulierung erweisen, dann kann es zudem gelingen, die volkswirtschaftliche Ersparnis im Rest der Welt für die Finanzierung von Energiewende und wirtschaftlicher Transformation in Europa zu mobilisieren.

Wie werden Investitionen in die wirtschaftliche Transformation finanziert?

In seiner Eröffnungsrede bei der Vorabendveranstaltung in der KfW taxierte José Manuel Gonzáles-Paramo, Senior Advisor der EZB, den Bedarf an Investitionen auf EUR 650 Mrd. pro Jahr bis 2030. Es liegt auf der Hand, dass ein erheblicher Teil dieser Summen über die Kapitalmärkte laufen muss und wird. Private Debt nimmt hierbei eine wichtige Funktion in neuen Branchen und Technologiefeldern wahr. Derartige Grassroot-Finanzierungen können Banken risikotechnisch nicht stemmen, so Stefan Bund von SDG Investments. Entsprechende Projektfinanzierungen können in der Spätphase gleichwohl von Banken finanziert und über Verbriefungen refinanziert werden. Sebastian Schütz, Leiter strukturelle Kapitalmarktfragen bei der Deutschen Bundesbank, sah die zunehmende Bedeutung von Private Debt gleichzeitig auch kritisch für die Finanzmarktstabilität. Außer Frage steht nicht zuletzt deshalb die Sicherung der Kreditvergabefähigkeit der Banken für die breite der deutschen und europäischen Wirtschaft. Auch aus Sicht von José Manuel Gonzáles-Paramo kann und sollte die Verbriefung hierbei eine wichtige Rolle einnehmen.

Verbesserung der Rahmenbedingungen zur Finanzierung der Realwirtschaft

Aufgrund ihrer besonders mittelständischen Struktur sind Bankbilanzen für das Gros der Realwirtschaft der einzige Finanzierungszugang. Mit Blick auf die erforderlichen Volumina für die Finanzierung der wirtschaftlichen Transformation kommt der Vernetzung der bankbasierten Finanzierung mit den Kapitalmärkten eine Schlüsselrolle zu. Gerade angesichts des regulatorisch bedingten Auftriebs der Risikogewichte (Stichwort „Basel IV“), den zusätzlichen Belastungen durch die absehbare Rezession sowie den damit einhergehenden Bonitätsabstufungen und Ratingmigrationen steigt der Bedarf für Kapitalentlastungen im Banking durch Verbriefungen. Wenn traditionelle Originator-basierte Finanzierungen zurückstecken müssen, werden Asset-basierte Finanzierungsformen umso wichtiger. Bereits heute zieht die Nachfrage nach Working Capital-Finanzierungen insbesondere in Form der Verbriefung von Handelsforderungen spürbar an. Diese Möglichkeiten nutzen allerdings unmittelbar nur der größere Mittelstand und Großunternehmen. Nicht zuletzt aufgrund regulatorischer Anforderungen ist der Zugang zum Verbriefungsmarkt für Unternehmen zum Beispiel mit Handelsforderungen in Höhe von EUR 40 Mill. unüberwindbar, meint Dirk Jandura, Präsident der BGA und Geschäftsführer im Elektrogroßhandel.

Könnte eine neue Verbriefungsplattform der Marktentwicklung helfen?

Angemessenere europäische und nationale Maßnahmen können die Vernetzung der bankbasierten Finanzierung mit den Kapitalmärkten voranbringen. Eine Verbriefungsplattform in Deutschland könnte die notwendige Ausweitung der Kreditversorgung insbesondere des Mittelstands bei gegebener Eigenkapitalausstattung der Banken ermöglichen. So auch die Einschätzung von Bernd Loewen, CFO der KfW, bei seiner Begrüßungsrede am Vorabend.

Positive Impulse durch Decentralised Finance, DLT und neue Geschäftsmodelle

Wirtschaftliche Transformation betrifft nicht nur die Nachhaltigkeit, sondern auch die digitale Wirtschaft. Die Digitalisierung von Prozessen im Zuge von Decentralised Finance sowie alternative Finanzierungslösungen wie zum Beispiel Lending Plattformen können im derzeitigen finanzmarktpolitischen Umfeld zusätzliche Impulse für Wachstum und Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit ermöglichen. DLT ist dabei eine Technologie, die das bestehende Ökosystem für Finance substanziell verändert. Anstelle einer eher zentralisierten, „Trust-basierten“ Intermediation ermöglicht Smart Contracting ein qualitativ höherwertiges Maß an Markttransparenz, so Philipp Schulden, COO von Rudy Capital. Für Verbriefungen bietet diese Entwicklung riesige Chancen: neue Assetklassen und viel größere Volumina lassen sich verbriefen und handeln, meinte Nick Wittek, Partner bei Jones Day. Der Trend zu Asset-as-a-Service begünstigt die weitere Entwicklung Asset-basierte Finanzierungsformen. In einigen Jahren entwächst die Digitalisierung den Kinderschuhen und es wird sich zeigen, so Michael Spitz von 360X, dass Decentralised Finance mehr soziale Teilhabe durch einen breiteren Kapitalmarkt ermöglicht.

Verhalten positiver Ausblick für die Verbriefungsmärkte

Mit der zinspolitischen Wende hat ein Repricing von Spreads stattgefunden. Die derzeit krisenhaften Entwicklungen insbesondere die Cost of Living Crisis betreffen Forderungsportfolien und damit die Performance von Verbriefungen. Viel wird hier von Art und Umfang von Energieentlastungspaketen abhängen, meinte Susanne Matern, Managing Director bei Fitch Ratings. Die Bereiche Auto- und Consumer-ABS sowie RMBS als wichtigste Assetklassen zeigen bislang und vermutlich weiterhin eine stabile Performance, so beispielsweise Philip Reicherstorfer von AUTO1 Global Services. Ratings bestehender Transaktionen haben das aktuelle Stressszenario eingepreist, betonte Armin Krapf, Vice President von Moody’s Deutschland. Das Umfeld wird allerdings schwieriger. Viel hängt vom wirtschaftspolitischen Management der Inflationserwartungen sowie angebotsseitigen Störungen der globalen Lieferketten ab. Wegen abnehmender Relevanz der EZB als Refinanzierungsquelle könnte der Verbriefungsmarkt sogar an Bedeutung gewinnen, so auch Bernhard Zahel von DWS Investment. Für Asset-basierte Finanzierungslösungen ist dementsprechend ein Level Playing Field zu gewährleisten. Dies trägt volkswirtschaftlich auch zur Sicherung der Finanzmarktstabilität bei.

Politik schaut nach vorn

Politik und Wirtschaft diskutieren beim Closing Forum die Frage des Moderators Stephan Richter, Herausgeber von The Globalist, ob der geopolitisch bedingte Trend zu einer De-Globalisierung oder eine lang vernachlässigte Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands die größte Herausforderung darstellt. Einigkeit besteht darin, dass man das Eine tun soll ohne das Andere zu lassen. Politik bekennt sich klar zu einer zukünftig stärker angebotsorientierten Wirtschaftspolitik, so auch MdB Michael Meister (CDU). Volker Treier, Außenwirtschaftschef des DIHK, mahnt, dass politische Rahmenbedingungen notwendig sind, die den Unternehmen auch weiterhin eine globale Risikodiversifizierung ermöglichen und gleichzeitig Anreize für inländische Investitionen setzen. Schon allein mit Blick auf die Finanzmarktstabilität steht der Vorrang privater Investitionen zur Finanzierung der wirtschaftlichen Transformation außer Frage. Gleichwohl betonen MdB Katharina Beck (Bündnis90/Die Grünen) und MdB Lukas Köhler (FDP), dass kurzfristig Geld in die Hand zu nehmen ist, um Cash-Flow Problemen nicht zuletzt der Industrie zu begegnen. Konzepte für angemessene Rahmenbedingungen zur Finanzierung des Übergangs zu einer digitalen und nachhaltigen Wirtschaft liegen nicht in der Schublade. Doch die Stoßrichtung ist klar. Bessere Rahmenbedingungen für Verbriefungen bieten in diesem Zusammenhang einen Weg aus aktuell krisenhaften Entwicklungen in eine zu beschleunigende wirtschaftliche Transformation.